Wer arm ist, stößt immer wieder an Grenzen. Das fängt bei ganz normalen Alltagserfahrungen an: Bei Hartz-IV-Empfängern wird am Ende des Monats oft das Geld knapp. Die bedürftige Familie hat Schwierigkeiten, den Klassenausflug ihrer Kinder zu finanzieren.
Grenzen werden auch spürbar, wenn es um Zuständigkeiten geht: Welches Amt oder welcher Wohlfahrtsverband ist in einer konkreten Not der richtige Ansprechpartner? Was für den lokalen Bereich gilt, das setzt sich auf internationaler Ebene fort. Die Verantwortung für Migranten wird selbst zwischen europäischen Staaten hin und her geschoben. Europa als grenzenloses und soziales Projekt hat immer noch viele Schwächen. Armut und Grenzerfahrungen gehören für viele Betroffene eng zusammen.

Ein Mensch, der sich mit armutsbedingten Grenzen nicht abfinden wollte, war der heilige Vinzenz von Paul. Geboren wurde er 1581 in einer kinderreichen Bauernfamilie im damaligen Pouy in Südwest-Frankreich. Seine Eltern erkannten früh seine Begabung und ermöglichten ihm unter großen finanziellen Opfern das Studium der Theologie. Ihre Hoffnung war, dass der Priesterberuf ihm ein gutes Einkommen sichern würde und er später die Familie unterstützen könnte. Bereits im Alter von 19 Jahren wurde er zum Priester geweiht. In den folgenden Jahren versuchte er auf der kirchlichen Karriereleiter empor zu steigen. Erst nach einer Glaubenskrise entdeckte er seine eigentliche Berufung: den Notleidenden zu helfen und den Menschen das Evangelium zu verkünden.

1617 machte er zwei wichtige Lebenserfahrungen, die bei ihm eine Wende einleiteten. Sein Predigt-Aufruf zur Generalbeichte in der Dorfkirche von Folleville wurde ein voller Erfolg. Vinzenz erkannte die geistliche Verlassenheit der Landbevölkerung, die kaum Zugang zu religiöser Bildung und Seelsorge hatte. Die meisten Priester zogen es damals aus Bequemlichkeit vor, in der Stadt zu wohnen und zu arbeiten. Diese Ausgrenzung konnte er nicht akzeptieren. Er gründete die Gemeinschaft der Vinzentiner (Lazaristen), um mithilfe von Volksmissionen den geistlichen Hunger der Menschen auf dem Land zu stillen.
Eine zweite wichtige Erfahrung machte Vinzenz wenige Monate später in der kleinen Stadt Chatillon, wo er als Pfarrer eingesetzt war. Er erlebte hautnah die Not einer Familie, die am Rande der Stadt lebte und sich aufgrund von Krankheit nicht mehr selbst versorgen konnte. Vinzenz begriff durch dieses Erlebnis: Akute Hilfe reicht oft nicht! Um dauerhaft Armut zu überwinden, braucht es vor allem professionell organisierte Unterstützung. Er rief die ersten Caritas-Gruppen ins Leben, die sich vor Ort um die Armen kümmerten. Ihr Vermächtnis lebt heute weiter in den vielfältigen Organisationen der kirchlichen Caritas: im gleichnamigen Wohlfahrtsverband, in den Vinzenz-Konferenzen und in gemeindlichen Caritas-Gruppen. Auch die Gründung der Vinzentinerinnen – gemeinsam mit seiner Mitstreiterin Louise von Marillac – war eine Antwort auf die konkreten Nöte seiner Zeit.

Immer wieder überschritt Vinzenz mit seinen Helferinnen und Helfern die damals gesetzten Grenzen. Gemeinsam verkündeten sie in Wort und Tat die Liebe Gottes in Bereichen, die bis dahin kaum im Blickfeld der Kirche standen. Die Sorge für Findelkinder, Verbesserungen in der Priesterausbildung, Seelsorge an Galeerensträflingen und die Nothilfe für vom Krieg verwüstete Landstriche wurden zusätzliche Arbeitsfelder.
Der Wunsch, allen Menschen das grenzenlose Erbarmen Gottes zu bringen, war sein tiefster Antrieb. Kein Wunder, dass auch die nationalen Grenzen Frankreichs für ihn bald zu eng wurden. Wenn Hilferufe aus anderen Ländern kamen, beantwortete er diese mit der Aussendung seiner Missionare und Schwestern. Sie wirkten in Italien, England, Schottland, Irland und Polen. Als Vinzenz 1660 starb, hatte seine Bewegung die Grenzen Europas überschritten und war sogar bis nach Nordafrika und Madagaskar gelangt.

Die vinzentinische Spiritualität prägt bis heute in ganz Europa die kirchliche Caritas. Alle, die nach seinem Vorbild wirken, geben der christlichen Nächstenliebe vor Ort ein unverwechselbares Gesicht. Der hl. Vinzenz von Paul ist deshalb eine Gestalt, an der sich die Menschen auch in Zukunft orientieren können, wenn sie ein Europa aufbauen wollen, das mehr ist als eine wirtschaftliche oder politische Gemeinschaft.

Hans-Georg Radina C.M.
Geistl. Begleiter der Vinzenz-Konferenzen im Erzbistum Paderborn

 

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen einer DOM-Reihe über die Heiligen Europas .
Zur Europawahl werden einige Veranstaltung stattfinden. Unter anderem am 05. Mai 2019 bei den Franziskanerinnen in Salzkotten. Pater Radina wird dort um 09.30 Uhr die Hl. Messe mitfeiern und als Vertreter des vinzentinischen Ideals mitwirken.