Liebe Vinzenzschwestern und -brüder!

Eine unserer Lippstädter Pfarrkirchen hat vor zwei Jahren ein Jubiläum gefeiert. Aus diesem Anlass war der Altarraum besonders gestaltet worden. An der Rückwand des Chorraums hing ein großes Banner mit der Aufschrift „Gott ist die Liebe“. Dieser Bibelspruch aus dem ersten Johannesbrief (1 Joh 4,16) ist nicht nur bei Christen außerordentlich beliebt. Man findet ihn auf unzähligen Spruchkarten und frommen Kalendern. Aber warum übt dieser Spruch so eine Faszination aus? Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass man diesen Spruch automatisch auf sich selbst bezieht. Wenn Gott die Liebe schlechthin ist, dann heißt das doch auch: ICH bin von Gott GELIEBT! Diese biblische Zusage bedeutet für viele Menschen eine Erleichterung, förmlich ein Aufatmen! Wie oft ist in der Geschichte des Christentums ein ganz anderes, geradezu krankmachendes Gottesbild verkündet worden! Gott als der Kontrolleur der intimsten Bereiche des menschlichen Lebens. Gott als der Erbsenzähler unserer kleinen und großen Sünden, der uns beim Endgericht einmal wie ein Kaufmann oder ein strenger Richter die Rechnung für unser Tun präsentieren wird! „Gott ist die Liebe“ – dieser Satz atmet einen ganz anderen Geist, den Geist Jesu Christi! Und deshalb ist dieser Satz einer der wichtigsten in der ganzen Bibel.

Der heilige Vinzenz hat verstanden, wie fundamental diese Aussage ist. Deshalb sagt er in einer Erklärung der vinzentinischen Ordensregeln: „Das größte Glück, das wir haben können, ist von Gott geliebt zu werden.“ Aber das ist sozusagen nur die eine Seite der Medaille. Vinzenz selbst hat mit seinem Leben und Wirken gezeigt, dass wir uns nicht einfach damit zufriedengeben können, Gottes geliebte Kinder zu sein. Dann wäre das Christentum bloß eine Art „Wohlfühlreligion“. Für Vinzenz war klar: Die Liebe Gottes soll nicht nur unsere eigene Seele wärmen, denn dann würde sie in einer Sackgasse enden. Je mehr wir uns von Gott geliebt und angenommen fühlen, desto mehr wird seine Liebe durch uns weiterfließen zu unseren Mitmenschen, vor allem zu den Notleidenden. Und dies nicht nur in frommen Worten, sondern vor allem auch im tatkräftigen Handeln. Oder wie es Vinzenz ganz kurz zusammenfasst: „Liebe sei Tat“. Dies ist quasi die andere Seite der Medaille. „Gott ist die Liebe“ und „Liebe sei Tat“ gehören untrennbar zusammen. Auf diesem doppelten Weg will Gott nicht nur einzelne Menschen, sondern die ganze Welt zum Positiven verändern.

In diesem Sinne wünsche ich allen Vinzenzschwestern und -brüdern am 27. September einen frohen Vinzenztag und Gottes Segen für Ihr Engagement vor Ort!

Ihr
Pater Hans-Georg Radina C.M.
Geistlicher Beirat auf Bundesebene

Quelle Bild: Altenheim St. Vinzenz in Paderborn